Hier die Aufzeichnung der Homilie von Pastor Frank Moritz an der ökumenischen Mahlfeier vom 7. Dezember 2025 zum Thema „Wie geht die Liebe Gottes einher mit der Gerechtigkeit Gottes“ mit nachfolgendem AI- Transkript.
Gott ist Liebe – und sonst gar nichts
Ein Moment des Verstehens
Es gibt immer wieder so Momente im Leben, da geht einem ein Licht auf – wo man begreift, dass man lange Zeit etwas nicht verstanden hat. Und einen solchen Moment des Verstehens möchte ich heute mit euch teilen.
Bisher war der Text, den wir aus dem Matthäus-Evangelium gehört haben – das sogenannte Gericht über die Völker – doch ein Text, der ein gewisses Unbehagen in mir ausgelöst hat. Selbst wenn ich meine Hoffnung auf Jesus setze, also sozusagen immer das Gefühl habe „Ich bin ja bei den Guten“, so bleibt doch die Frage: Was ist eigentlich mit den Verdammten?
Und selbst wenn man die Gewissheit hat: „Ja, ich glaube an Jesus, ich werde also hoffentlich einmal zu den Guten gehören, also auf der richtigen Seite stehen“ – dann bleibt doch immer diese Frage: Aber was ist denn mit den anderen? Was ist mit denen, den sogenannten Verdammten? Und was ist mit denen, die sozusagen ins ewige Feuer gehen müssen? Wie passt das zu einem Gott der Liebe?
Gott ist Liebe
Denn das ist doch eigentlich das Grundcredo unseres Glaubens: Gott ist Liebe. Die kürzestmögliche Zusammenfassung des christlichen Glaubens ist dieser kurze, aber doch treffsichere Satz: Gott ist Liebe. Oder: Das Wesen Gottes ist Liebe.
Die Liebe kann man nie ganz erfassen. Sie bleibt ein Geheimnis – aber ich denke, eines der schönsten Geheimnisse, die es gibt. Und weil Gott die Liebe ist, ist Gott auch das schönste Geheimnis, das es gibt.
Und diesen Satz verdanken wir eigentlich Jesus. Warum? Weil er die einfachste Beschreibung des Gesamteindrucks ist. Und das ist das, was Jesus uns vermacht hat: Wie Jesus gelebt und gesprochen hat, wie er den Menschen zugewandt war und sich auch durch den Tod am Kreuz nicht abschrecken ließ, bis zum Ende zu lieben.
Denn was sagt Jesus kurz vor seinem Tod? „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“ Bis zum Ende also bleibt Jesus bei der Liebe. Also wissen wir: Gott ist Liebe.
Der schwäbische Einwand
Und jetzt kommt an dieser Stelle ein Einwand, der oft mit dem besagten Text aus dem Matthäus-Evangelium zusammengeht, und den ich heute mal in meinem Heimatdialekt ausdrücken möchte. Ich habe von Arthur gehört, dass ich das darf. Ich bin in der Nähe von Stuttgart aufgewachsen, bin also durchaus des Schwäbischen mächtig, und sage das mal ganz klar.
Der Einwand lautet – jetzt muss ich ihn aber schon mal sagen, Herr Pastor: „Gott ist nicht bloß lieb, sondern auch gerecht!“ Gott ist schon Liebe, ja, so steht das ja auch in der Bibel. Aber nur von Liebe zu sprechen oder nur von Liebe zu predigen – das geht nicht. Gott ist nämlich nicht immer nur lieb, sondern auch gerecht.
Griechisch-römische Gerechtigkeit vs. biblische Gerechtigkeit
Und jetzt kommt der Punkt, wo mir persönlich das erste Mal ein Licht aufgegangen ist – nämlich bei folgender Erkenntnis, die ich bis dato eigentlich nie so richtig reflektiert hatte:
Wir alle – oder sagen wir es einmal etwas vorsichtiger: wahrscheinlich viele von uns – haben, sowie die christlichen Kirchen (und zwar unabhängig von der Konfession), jahrhundertelang griechisch-römische Vorstellungen von Gerechtigkeit inhaliert.
Und es kommt daher, dass wir als gemeinsame Grundlage die lateinische Bibelfassung, die Vulgata, haben. Und dort wird Gerechtigkeit ganz einfach übersetzt mit Justitia – lateinisch für Gerechtigkeit.
Die Darstellung der Justitia
Und diese Gerechtigkeit wird in der Regel in der Form einer Frau dargestellt. Ihr kennt es vielleicht: Eine Frau, die hat eine Binde vor den Augen, sie hält in der linken Hand eine Waage und in der rechten Hand hält sie ein Schwert.
Und ihr könnt ja mal schauen: Diese Justitia findet sich seit Hunderten oder Tausenden von Jahren und auch heute noch vor vielen, vielen Gerichten in ganz Europa. Das heißt, diese Darstellung der Gerechtigkeit hat sich ganz tief in unser europäisches Bewusstsein eingegraben.
Genau so stellen wir uns Gerechtigkeit vor:
- Die Augen verbunden, um möglichst objektiv und ohne Ansehen der Person urteilen zu können
- Eine Waage in der linken Hand, mit der man genau – also wirklich ganz genau – messen kann. Und dieses Messen, dieses Wort, das finden wir auch heute noch in der juristischen Sprache wieder. Wir reden ja zum Beispiel von dem Strafmaß – also was jemand bekommt, hat mit dem Strafmaß zu tun, das für eine gewisse Tat angesetzt wird.
- Das Schwert in der rechten Hand – das steht für die Strafe, die jemand zu erwarten hat, der das Gesetz übertritt. Das Schwert schneidet bis hin zur Todesstrafe – also den Kopf abschneiden. Dieses Schwert hat sehr lange so geschnitten. Wir dürfen nicht vergessen: Es war erst 1949, da hat man in Deutschland zum Beispiel die Todesstrafe abgeschafft. 1949 ist noch gar nicht so lange her.
Die Symbole der Justiz – die Binde vor den Augen, die Waage in der Linken, das Schwert in der rechten Hand – haben die Vorstellung der Christenheit von Gerechtigkeit ganz unhinterfragt dominiert. Also natürlich auch unsere Vorstellung vom Gericht über die Völker entscheidend geprägt.
Die griechische Mythologie
Und als ob das noch nicht genug wäre, können wir auch auf eine zweite Wurzel unseres abendländischen Denkens hinschauen. Der griechische Philosoph Platon zum Beispiel sagt: „Die Gerechtigkeit sieht alles.“
In der griechischen Mythologie finden wir dann die Tochter des Zeus, die sogenannte Dike, die erst für die Gerechtigkeit stand, später aber sich ein bisschen gewandelt hat und dann für die Strafe stand. Und diese Dike schickt Zeus der Mythologie zufolge auf die Erde, um die Menschen zu beobachten – erst einmal beobachten, aufzeichnen, damit ihr auch nichts, auch nicht das kleinste Detail, nicht die verborgenste Missetat entgeht – und erst dann soll sich Dike ein Urteil bilden.
Und dieser Zusammenhang von Gerechtigkeit und Strafe hat unser Denken geprägt – ganz entscheidend und ganz fatal geprägt –, dass wir Gerechtigkeit nämlich immer als strafende Gerechtigkeit verinnerlicht haben.
Und dabei übersehen wir, dass diese Vorstellung in der griechisch-römischen Welt ihren Ursprung hat – nicht aber in der Bibel.
Aristoteles‘ Gerechtigkeitsverständnis
Aristoteles lehrt: Ein Richter soll nicht lieb sein, sondern gerecht. Nicht gut im Sinne von gütig, sondern gerecht. Wenn ein Richter Gefühle hat, dann ist er befangen – dann gehört er ausgetauscht. Denn die Gerechtigkeit ist sorgfältig, sachlich und neutral.
Natürlich kann es schon einmal Gnade vor Recht geben, aber das ist die Ausnahme, nicht die Regel.
Jetzt frage ich euch: Kann eine Waage Gefühle haben? Eher nicht, die ist ja sorgfältig. Oder kann eine Waage betroffen sein oder erschüttert oder zutiefst gerührt? Wohl auch nicht, oder?
Und ich glaube, ihr spürt schon ein bisschen, was ich jetzt als Nächstes sagen werde: Wie passt eine solche Gerechtigkeit dann zu einem Gott, dessen Wesen Liebe ist?
Der folgeschwere Denkfehler
Die Christenheit hat lange Zeit – und verschiedene Strömungen tun das auch noch bis heute – die Liebe immer gegen die Gerechtigkeit gestellt, aus Gründen der Moral, damit die Menschen etwas zu fürchten haben. Und dabei ist schon dieser folgeschwere Denkfehler passiert:
„Gott ist schon lieb, ja, und Jesus war auch lieb, als er auf der Erde war. Aber jetzt im Gericht? Jetzt ist Schluss mit lustig. Denn Gott ist ja auch gerecht.“
Die Liebe allein, das ist irgendwie unheimlich. Denn die Liebe kennt ja kein Maß. Liebe ist irgendwie chaotisch und braucht also diese sorgfältige, ordentliche und neutrale Gerechtigkeit. Die Liebe ist ja chaotisch, sie kennt ja kein Maß.
Nur die Frage ist: Wie soll das gehen? Fällt dann die Gerechtigkeit plötzlich der Liebe in den Arm mit den Worten: „Jetzt übertreib mal nicht, Liebe, jetzt reicht es auch wieder“?
Und dann gibt es Menschen, die sagen: „Gott muss gerecht sein, denn er ist ja auch heilig. Gott kann nicht verzeihen, denn er muss doch das Unrecht sühnen.“ Und manchmal kommt dann noch Jesus ins Spiel als derjenige, der unsere Schuld gesühnt hat und als Mittler auftritt zwischen uns sündigen Menschen und dem heiligen Gott.
Alarmglocken sollten läuten
Aber noch viel aufmerksamer als dies sollten uns doch allein die Worte machen, die ich gerade verwendet habe. Da müssten doch eigentlich schon bei uns die Alarmglocken klingeln:
Was soll das heißen: „Gott muss“? Oder was soll das heißen: „Gott kann nicht“?
Über wen reden wir denn da gerade? Könnt ihr euch vorstellen, dass irgendjemand im Gericht nachher aufsteht, sich vor Gott aufpflanzt, die Hände in die Hüften stemmt und sagt: „Ja, Moment mal, Gott, das geht nicht. Das kannst du doch nicht machen. Du musst doch so und so handeln“?
Die Frage ist: Wer redet da mit Gott? Und ist Gott schizophren, wenn er einerseits gerecht und andererseits lieb ist?
Die einfache Antwort
Die Antwort ist sehr einfach. Sie ist sehr einfach, und ich sage es einfach mal ganz einfach, so wie es ist. Die Antwort lautet schlicht und einfach: Nein.
Nein, denn Gott von seinem Wesen her ist Liebe. Gott ist Liebe und sonst gar nichts.
Und in der Bibel, zum Beispiel im 1. Johannesbrief Kapitel 4, steht: „Gott ist die Liebe.“ Ich wüsste nicht, wo es in der Bibel noch einen anderen Satz mit anderen Eigenschaften Gottes gibt oder wo der zu finden ist – also dass irgendwo steht: „Gott ist Gerechtigkeit“ oder „Gott ist Heiligkeit“. Nein.
Das ist nämlich genau der Unterschied: Das eine ist das Wesen Gottes, und das andere sind seine vielen Eigenschaften. Also: Gott ist barmherzig, gütig und gnädig, genauso wie Gott gerecht, heilig oder zornig ist. Aber in allem ist Gott immer die Liebe.
Also ist Gott genauso lieb, wenn er gerecht ist, wie wenn er gnädig ist? Und genauso lieb, wenn er barmherzig ist, wie wenn er zornig ist? Denn alle Eigenschaften Gottes sind immer der Ausdruck seiner Liebe.
Das verstehen wir Menschen manchmal schwer.
Biblische Gerechtigkeit
Aber bleiben wir jetzt doch mal bei dieser Predigt oder bei dieser Ansprache einfach mal bei der biblischen Gerechtigkeit und nicht bei der lateinischen Gerechtigkeit.
Und die biblische Gerechtigkeit ist nämlich eine wiederherstellende, eine integrierende Gerechtigkeit – keine strafende Gerechtigkeit. Ich sage das gerade nochmal: Biblische Gerechtigkeit ist eine wiederherstellende, eine integrierende Gerechtigkeit und eben keine strafende Gerechtigkeit.
Und die biblische Gerechtigkeit – auf Hebräisch nennt man das die Zedaka – sagt zu den Aussortierten, den Ausgeschlossenen, den Abgewerteten:
„Ich, Gott, ich hole dich zurück in die Gemeinschaft. Die Gesellschaft ignoriert dein Elend, aber ich nicht. Du giltst als gering bei den Menschen, nicht aber bei mir. Man hat dich abgewertet, und du warst versucht, das sogar selbst zu glauben. Nun, dann werde ich dich eben wieder aufrichten, denn ich liebe dich. Ich gehe dir nach und ich suche dich.“
So erweist sich die Gerechtigkeit Gottes als eine Form seiner umfassenden Liebe.
Jesaja und die universelle Hoffnung
Und ein Letztes noch, damit auch dieser wunderschöne Text, den wir am Anfang gehört haben aus Jesaja, etwas leuchten darf:
Natürlich ist dieser Text über das Gericht bei Matthäus biblisch. Er steht so in der Bibel, und wir können davon ausgehen, dass Jesus ihn auch so gelehrt hat. Aber das Gleiche gilt – also es steht in der Bibel, was wir bei Matthäus gelesen oder gehört haben – aber es steht auch genauso bei Jesaja. Beides steht in der Bibel.
Und das heißt: Es gilt auch diese universelle Heilshoffnung, die wir bei Jesaja oder auch in vielen Psalmen finden. Auch das sind biblische Texte.
Und ich weiß nicht, wie ihr das gehört habt, aber dieser Text von Jesaja mit dem fetten Essen und dem guten Wein und so weiter – das fühlt sich doch nicht unbedingt nach einer Henkersmahlzeit an, oder? Reinste, feinste Speisen, ein Festmahl aller Völker!
Und bei diesem Festmahl wird nämlich sichtbar werden, wer Gott ist. Und es war auch im Text: „Gott wird abwischen alle Tränen“ – so wie wir das auch nachher in der Offenbarung finden. Aber Gott wird abwischen alle Tränen.
Und was ist das denn für eine Verheißung? Oder was ist mit den anderen großen Verheißungen an Abraham, die wir im Neuen Testament zigmal zitiert finden: „Durch dich sollen gesegnet werden alle Völker der Erde.“
Und es liegt mir völlig fern, jetzt Bibelstelle gegen Bibelstelle zu stellen oder zu zählen oder zu sagen, die eine gilt mehr als die andere. Das machen wir einfach mal gar nicht.
Die Grundlage aller biblischen Worte
Sondern ich möchte heute nur eins sagen: Gott ist Liebe – Liebe und sonst gar nichts.
Und diese Liebe ist die Grundlage von jedem biblischen Wort. Sie durchdringt alle Aussagen, und sie muss und darf immer und überall mitgedacht werden – muss und darf überall mitgedacht werden.
Das heißt, ich schlage vor, dass wir aus dem schwäbischen Satz einfach ein kleines Wörtchen streichen. Wir streichen einfach das „Sondern“:
„Gott ist nicht nur lieb, er ist auch und vor allem gerecht.“
Amen.