Hier die Aufzeichnung der Homilie von Bischof em. Johannes Okoro an der ökumenischen Mahlfeier vom 9. Februar 2025 zum Thema „Spiritualität“ mit nachfolgendem AI- Transkript.
Meine lieben Freunde,
Kardinal Schönborn hat meine Frau und mich zu seinem Abschied nach Wien eingeladen. Leider konnte meine Frau nicht mitkommen, also bin ich allein gegangen. Bei dieser Feier waren mehr als 3.000 Leute anwesend. Der Gottesdienst war sehr berührend, feierlich und schön.
Kardinal Schönborn hat ein Problem angesprochen, das mich tief betroffen gemacht hat. Er sagte, er war 30 Jahre Erzbischof von Wien und hat auch die Bischofskonferenz geleitet. Er erwähnte, dass im letzten Jahr über 85.000 römisch-katholische Gläubige aus der Kirche ausgetreten sind. Er meinte, dass die islamische Glaubensgemeinschaft wächst, ebenso wie die Orthodoxen, und er fragte: „Was ist los mit unserem Christentum in Österreich, in Vorarlberg?“
Diese Aussage vom Kardinal Schönborn hat mich betroffen gemacht, und ich möchte euch heute klipp und klar sagen: Es liegt in unseren Händen, ob das Christentum weiter existiert oder nicht.
Spiritualität ist uns angeboren
Es gibt eine Untersuchung der Harvard-Universität mit dem Titel „Brain and Spirituality“ (Gehirn und Spiritualität) aus dem Jahr 2021. Diese hat bewiesen, dass jeder Mensch von Geburt an spirituelle Fähigkeiten hat. Im Gehirn sind spirituelle Grundlagen vorhanden, die von unserem Schöpfer angelegt wurden. Das heißt: Kein Mensch ist von Geburt an Atheist, ungläubig oder gleichgültig. Jeder Mensch hat die Anlage, spirituelles Denken zu entwickeln, spirituelle Erfahrungen zu machen. Spirituelle Bindung und Berührung sind immer möglich und offen für Gottes Kinder.
Nach dieser Harvard-Untersuchung gibt es vier Dinge, die wir brauchen, um dieses Potenzial von Kindheit an zu entwickeln: Liebe, Vorbilder, Zeit und Leiden.
1. Liebe – die goldene Regel in allen Religionen
Liebe ist ein Thema, das wir überall im Christentum hören. Hans Küng hat uns verdeutlicht, dass alle Religionen von Liebe und Nächstenliebe sprechen:
- Konfuzius (551-489 v. Chr.): „Was du selbst nicht wünschst, das tue auch nicht anderen Menschen an.“
- Rabbi Hillel (vor Christus): „Tue nichts anderem, was du nicht willst, dass sie dir tun.“
- Jesus von Nazareth (Matthäus-Evangelium): „Alles, was ihr wollt, dass euch die Menschen tun, das tut auch ihr ihnen ebenso.“
- Islam: „Keiner von euch ist ein Gläubiger, solange er nicht seinem Bruder oder seiner Schwester wünscht, was er oder sie sich selber wünscht.“
- Buddhismus: „Ein Zustand, der nicht angenehm oder erfreulich für mich ist, soll es auch nicht für ihn sein.“
- Hinduismus: „Man sollte sich gegenüber anderen nicht in einer Weise benehmen, die für einen selbst unangenehm ist.“
- Bahaitum: „Seid freundlich zu allen Völkern, kümmert euch um jeden Menschen, tut was ihr könnt, um die Herzen und Gemüter der Menschen zu erfreuen.“
- Naturreligionen: „Wir alle stammen aus der gleichen Quelle und sind miteinander verbunden.“
Die Taufe als Liebeserklärung Gottes
Heute haben wir im Evangelium von der Taufe gehört. Wir wissen, dass die Taufe alle christlichen Gemeinschaften verbindet, die im Namen Jesu taufen. Von der Taufe Jesu können wir neu lernen und unsere Gedanken über die Taufe anders auffassen und deuten.
Die Taufe hat nicht nur mit der Zugehörigkeit zu einer Gemeinschaft zu tun oder mit der Befreiung von Sünden. Die Taufe ist eine Liebeserklärung von Gott: „Du bist mein geliebter Sohn, du bist meine geliebte Tochter, den oder die ich erwählt habe.“
Bei der Taufe schaut Gott dich an, wer immer du seist, so wie du bist, ganz persönlich. Er ruft dich bei deinem Namen. Er sieht dich und versteht dich, wie er dich schuf. Er weiß, was in dir ist, kennt dein Fühlen und Denken, weiß um deine Anliegen und Wünsche. Bei der Taufe ist jeder von uns ein Geliebter – Gott liebt dich, wie du bist.
Wenn die Wissenschaft sagt, dass das erste Merkmal, das wir brauchen, um überhaupt zu glauben und miteinander zu reden, die Liebe ist, dann bedeutet das: Du musst wissen, Gott liebt dich, wie du bist. Und wenn dir das bewusst ist, dann weißt du auch, dass du auch deine Nächstenliebe leben solltest.
2. Vorbilder – ein großes Problem
Das Zweite, was wir brauchen, damit das Christentum in Österreich Fuß fasst, sind Vorbilder. Und das ist ein großes Problem.
Ich weiß nicht, wie ich das erklären kann. Es tut mir jeden Tag weh, wenn ich sehe, wie wir Geistliche – Priester, Bischöfe und so weiter – uns manchmal benehmen, was wir tun. Wir sind keine Vorbilder. Auch in Familien sieht man: Wir haben keine Vorbilder. Heute ist das Handy unser Vorbild – jeder hat ein Handy, und das ist sehr, sehr traurig.
Solange wir nicht in der Lage sind, diese spirituellen Merkmale unseres Gehirns zu erfüllen – Liebe, Dankbarkeit, Respekt, Gebet, Freude –, wird es schwierig. Das ist auch mein Problem in Vorarlberg: Letztes Jahr haben sich in Vorarlberg 26 Menschen umgebracht, darunter so viele Jugendliche. Da muss man sich fragen: Was ist los?
Wir müssen lernen, vorbildhaft zu leben, den Menschen etwas anderes zu geben als nur Handy, Materialismus und Oberflächlichkeit. Wir reden nicht mehr miteinander. Schau einfach in deiner Familie: Wie viele Minuten am Tag redest du mit deinem Kind, mit deiner Frau, mit deinem Mann? Psychologen haben das gemessen: 5 Minuten am Tag redet man miteinander. „Was hast du getan? Wo bist du gewesen?“ – aber echtes Miteinanderreden, das ist nicht mehr vorhanden.
Ich habe Probleme mit dem Thema Vorbild: Eltern schicken ihre Kinder zum Religionsunterricht, aber zu Hause betet man nicht, liest die Bibel nicht. Zu Hause gibt es keine spirituelle Tätigkeit. Wie kann das Kind verstehen, was es in der Schule gelernt hat? Unmöglich! Man geht zur Erstkommunion, zur Hochzeit, aber es gibt keine Rückbindung.
Deshalb bin ich umso begeisterter, wenn ich sehe, dass bei uns in der Mahlgemeinschaft Menschen bereit sind, als Vorbild zu leben.
3. Zeit – das Wichtigste ist das Jetzt
Zeit, Zeit, Zeit – leider Gottes ist unsere Zeit eine schnelle Zeit, zu schnell. Aber wir haben keine richtige Zeitdefinition mehr.
Wichtig ist: Was du jetzt tust, sollte das Wichtigste sein. Was du jetzt tust, soll das sein, was dir gefällt. Wenn ich jetzt predige und jemand von euch denkt an morgen oder daran, was er noch zu tun hat – dann ist alles vorbei. Zeit heißt: Was ich tue, muss ich jetzt tun.
Unsere Zeit ist eine Zeit, in der wir auch in unseren kleinen Gruppierungen lernen müssen, den Leuten Lebenskraft, Lebensfreude und Geborgenheit zu schenken, dass sie auch Vertrauen schenken können.
4. Leiden – eine spirituelle Herausforderung
Leiden ist mein letztes Thema. Leiden ist ein Problem. Ich habe einige Leute im Krankenhaus besucht, die krank sind. Einige glauben an Gott, an Heilung und so weiter – aber so viele brauchen keinen Priester mehr. Sie brauchen keinen Priester mehr!
Wir wissen, dass du auch in deinem Leiden eine Möglichkeit finden musst, an etwas zu glauben. Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber ich habe in den Zeitungen gelesen: Fast die Hälfte unserer Verstorbenen braucht keine christliche Beerdigung mehr. Und wie es weitergeht, weiß ich nicht.
Schluss: Wir müssen Vorbild sein
Ich habe auch in ökumenischen Diskussionen gesagt: Wir müssen Vorbild sein – ohne das geht es nicht. Wir müssen offen sein, offenherzig wie Jesus, und nicht immer engstirnig.
So lasse ich es am Ende. Danke vielmals für eure Aufmerksamkeit. Wer Fragen hat, kann diese gerne stellen.