Hier die Aufzeichnung der Homilie von Mag. Thomas Berger-Holzknecht an der ökumenischen Mahlfeier vom 28. September 2025 zum Thema „Glauben wagen – Warum Zweifel zum Christsein dazugehören“ mit nachfolgendem AI- Transkript.
Homilie von Thomas Berger-Holzknecht
28. September 2025
Als ich gefragt wurde, ob ich mir vorstellen kann, hier bei eurer Feier, bei dieser Mahlfeier, zu dieser Bibelstelle eine Ansprache zu halten, habe ich mir gedacht: Ja, ja gerne. Der ungläubige Thomas, das ist mein Taufpatron. Und ich muss sagen, je älter ich werde, desto mehr bin ich mit ihm verbunden, desto mehr fühle ich mich mit ihm verbunden. Das ist wirklich eine meiner Lieblingsbibelstellen.
Ein biografischer Anfang
Ich möchte kurz ein wenig biografisch anfangen. Ich komme aus Schwarzach, bin dort aufgewachsen, ohne irgendwie mit der Kirche sehr viel Berührung zu haben. Durch eine Erfahrung in meiner Familie hatte ich eine Krise – das hatte zu tun mit dieser Frage: Wie kann Gott Leid zulassen?
Damals war ich gerade in der Pubertät, und meine Reaktion war: Also ich gehe sicher nicht mehr in die Kirche. Ich habe mich vom Religionsunterricht abgemeldet und habe aufgehört zu beten.
Die Wende mit 16
Mit 16 war ich in Hart – gar nicht so weit weg von hier – auf einer Veranstaltung der Katholischen Jugend und Jungschar, eine wunderschöne Veranstaltung. Dort habe ich mich entschieden: Ich beginne jetzt, diesen Weg wieder neu zu gehen.
Und dann hatte ich das Glück, dass in Schwarzach in dieser Zeit gerade wirklich so eine Hochblüte an Jugendarbeit war. Und ich habe wirklich viele Freunde gefunden und konnte so richtig tief auch in den Glauben einsteigen. Ich hatte eine schöne Zeit.
Aber schon damals war für mich der Zweifel insofern etwas Wichtiges: Ich bin in der Kirche gesessen – na ja, ihr könnt euch das vorstellen, mit 16, 17, so ziemlich allein, da waren vielleicht noch 2, 3 in meinem Alter oder so. Aber für mich war klar: Ich bete hier nur das mit, was ich wirklich glaube. Und das war am Anfang gar nicht so viel. Also vom Glaubensbekenntnis oder auch vom Vaterunser habe ich einfach nur die Sätze ganz konsequent mitgebetet, die ich wirklich mittragen kann. Mit der Zeit ist das mehr geworden.
Charismatische Frömmigkeit
In dieser Zeit war bei uns eigentlich die vorrangige Spiritualität, die ich auch kennenlernte, eine charismatische Frömmigkeit. Einige von euch kennen das wahrscheinlich noch – also Mitte der 80er Jahre war das in Vorarlberg relativ verbreitet, auch in den Pfarren.
Und ich verdanke dieser charismatischen Frömmigkeit auch heute noch viel. Ich habe das freie Gebet gelernt. Es war eine ganz nahe Herzensbeziehung zu Gott, so mit Gott auf Du und Du. Und darum bin ich immer noch froh. Und auch dieses Gottesbild: Gott ist jemand, der mich liebt, wie ich bin.
Das Theologiestudium – und eine Krise
Ich habe mich dann entschieden, Theologie zu studieren. Und da kamen bei meinen Kolleginnen und Kollegen in der charismatischen Erneuerung einige Zweifel auf. Da kam dann so die Frage: „Es bringt dich vom Glauben ab, wenn man zu viel nachdenkt“ und so.
Und was soll ich sagen? Es war eine der schönsten Zeiten meines Lebens. Auch dort habe ich wieder sehr viele Menschen kennengelernt, und der Horizont dessen, was ich über meinen Glauben weiß, ist um vieles, vieles größer geworden. Ich konnte sozusagen die Schatzkisten und Schatzquellen der vergangenen Jahrhunderte und eben auch der Gegenwart anzapfen.
Eine Wachstumskrise
Aber auch dort hatte ich eine Krise – und zwar war das eine Krise, wahrscheinlich wieder so eine Wachstumskrise. Ihr kennt das aus der Natur: Schlangen häuten sich ja, wenn sie wachsen. Und ein bisschen habe ich das so erlebt.
Ich habe irgendwie die ganze Sprache verloren, meine Gebetssprache. Ich habe mich aus der charismatischen Frömmigkeit verabschiedet. Das war mir dann zu unnatürlich in der ganzen Lobpreissprache. Die Sprache hat mir nicht mehr gepasst. Es war mir zu klare Einteilung in Schwarz und Weiß, in Himmel und Hölle, in Gott und Teufel und so.
Und auf einmal bin ich verstummt und habe nichts mehr gespürt beim Beten. Es war eine dunkle Zeit, und ich bin gesunken – also so hat es sich angefühlt: gesunken, gesunken und gesunken. Aber dann war da irgendwann wieder Boden. Und ich bin weitergegangen, und irgendwann ist der Weg auch wieder nach oben gegangen.
Gott als Geheimnis
Und jetzt im Nachhinein kann ich sagen, dass ich in dieser Zeit noch etwas ganz Elementares gelernt habe – zusätzlich zu meiner charismatischen Frömmigkeit, zu dieser vertrauten Beziehung mit Gott auf Du und Du – nämlich: dass Gott ein Geheimnis ist, ein Mysterium, ein unaussprechliches Geheimnis, ein undenkbares Geheimnis.
In der Theologie haben wir das gelernt: Wir machen uns ein Bild von Gott, wir sprechen über Gott, aber Gott ist immer noch mehr. Wir können immer nur einen Teil von Gott fassen. Und das hat mir gut getan, das auch noch kennenzulernen.
Und die passende Form des Gebets in dieser Phase war tatsächlich das Schweigen, die Stille. Und je älter ich werde, desto wichtiger ist mir das auch.
Taizé-Gebet
Ich habe eine Spiritualität, die sehr ausgerichtet ist oder sehr geprägt ist von Taizé. Ich war, seit ich Jugendlicher bin, immer wieder in Taizé. Und wir haben seit 25 Jahren in Lingenau, wo ich wohne, ein Taizé-Gebet – ich und meine Frau, einmal im Monat. Und in einem Taizé-Gebet kommen nach der Bibelstelle 10 Minuten Stille. Das ist für mich eine der schönsten Zeiten der Woche.
Was ich im Theologiestudium gelernt habe
Was ich gelernt habe im Theologiestudium ist: Wenn ich nachdenke, wenn ich Fragen stelle an Gott und wenn ich nachdenke über Gott und dranbleibe, dann kann ich etwas Neues von ihm entdecken.
Und das ist für mich eben die Parallele zu dieser Bibelstelle, die wir gerade gehört haben, die du vorgelesen hast.
Der ehrliche Thomas
Mir gefällt das einfach, dass der Apostel Thomas zuerst einfach mal ehrlich ist. Er hätte ja sagen können: „Aha, ihr habt Jesus erlebt. Freut mich, ich komme mit und freue mich auf das nächste Mal.“ Aber er hat in sich etwas anderes gespürt, und das hat er ausgesprochen. Das finde ich eigentlich mutig.
Und das Schöne ist an dieser Bibelstelle auch, dass sie uns Jesus zeigt als jemand, der sich auf das einlässt. Er sagt ja – das Erste, was er sagt, ist: „Der Friede sei mit euch.“ Und dann sagt er: „Schau, hier bin ich, aber hier ist auch noch etwas, was du nicht miterlebt hast: Du siehst hier meine Kreuzeswunden. Leg deinen Finger hinein.“
Und wir wissen gar nicht, ob er das tatsächlich gemacht hat – das steht in dieser Geschichte nicht drin. Aber was drinsteht, ist dieses Bekenntnis: „Mein Herr und mein Gott.“
Das erste Bekenntnis Jesu als Gott
Und wenn ich richtig informiert bin, dann ist Thomas der Erste, der den Juden Jesus als Gott bezeichnet. Wir haben öfter solche Titel wie „Messias“ oder so, aber zu einem Menschen, mit dem ich unterwegs war, mit dem ich gegessen habe, geschlafen habe, vielleicht auch gestritten habe – keine Ahnung – aber zu einem Menschen, den ich angefasst habe, zu dem zu sagen: „Mein Gott“ – das ist schon etwas ganz anderes.
Und eben noch so, wie es da in der Bibel drinsteht: Er war der Erste, der das gesagt hat. Kommt uns jetzt vielleicht nach 2000 Jahren Christentum nicht mehr so besonders vor, aber wenn man sich vorstellt, in der damaligen Zeit – das war etwas Besonderes.
Thomas Halik – die Fragen durchhalten
Es gibt einen tschechischen Theologen, Thomas Halik heißt er. Thomas Halik war Atheist und ist dann in der Zeit des Kommunismus Christ geworden und hat sich im Geheimen zum Priester weihen lassen – durfte das niemandem sagen, nicht einmal seiner Mutter.
Und Thomas Halik ist ein sehr intelligenter Mensch, der auch wirklich sehr intelligente Bücher schreibt, die heute noch wirklich lesenswert sind, gerade auch in der Interpretation, im Verständnis dessen, was mit der Kirche momentan gerade passiert.
Und weil er selber Atheist war, hat er ein ganz nahes Verhältnis zu Atheisten. Er hat viele Freunde, die immer noch Atheisten sind. Und er sagt, er versteht die Fragen der Atheistinnen und Atheisten sehr gut.
Das Einzige, was er ihnen vorwerfen muss, ist: Sie kommen zu schnell zu einer Antwort. Sie halten die Frage nicht bis zum Ende durch.
Er sagt, er stellt sich dieselben Fragen, aber er bleibt länger dran. Und dann kommt in diesem Gehen mit der Frage, in diesem Gehen mit dem Zweifel, plötzlich eine neue Erkenntnis.
Also für ihn sind Atheisten einfach Leute, die eine Abkürzung nehmen. Genauso übrigens auch wie zu fromme Menschen – also die stellen sich nicht immer die Fragen und sind von daher zu kurz für ihn.
Meine eigene Erfahrung
Genau das ist also die Erfahrung, die ich selber mit Gott gemacht habe, und das verbinde ich eben mit diesem meinem Namenspatron, dem ungläubigen Thomas: Die Fragen, die in mir sind, ernst zu nehmen und darauf zu vertrauen, dass Gott mit mir mitgeht in diesen Fragen. Und wenn ich lange genug dabei bleibe, dann kann tatsächlich auch Segen entstehen aus diesen Fragen heraus. Und ich erkenne etwas, ich mache eine neue Erfahrung oder erkenne etwas, das ich davor noch nicht erkannt habe.
Glauben und Wissen – kein Gegensatz
Ich möchte noch einen kurzen Exkurs machen zum Thema der Gegensatz zwischen Glauben und Wissen.
Ich war Religionslehrer im Gymnasium – wir kennen uns aus dieser Zeit. Und ich war am liebsten in der Oberstufe mit den kritischen Schülerinnen und Schülern. Und so ein Satz, den ich immer wieder gehört habe, ist: „Glauben heißt nicht Wissen.“ Das kennt ihr alle auch, oder?
Und da habe ich mit den Schülern gerne ein Experiment gemacht und ihnen die Frage gestellt: Was ist der höchste Berg der Welt?
[Publikum: Mount Everest!]
Der Mount Everest, genau. Das wissen sie alle. Und meine These, meine Behauptung war: 90 % von dem, was wir wissen, sind Dinge, die wir glauben – die wir anderen glauben, und zwar vernünftigerweise.
Das Mount-Everest-Experiment
Ich bitte euch, das einfach nur einmal kurz zu überlegen: Was müsste ich tun, um das tatsächlich selber zu wissen, dass der Mount Everest der höchste Berg der Welt ist?
Okay, ich müsste zuerst einmal lernen: Wie misst man die Höhe von irgendeinem Punkt, wo man ist? Das kann man wahrscheinlich lernen. Ich müsste mir die Instrumente beschaffen. Dann müsste ich Bergsteigen lernen – und zwar Höhenbergsteigen lernen. Ich müsste nach Indien oder Tibet oder wo immer der genau ist – ich müsste auf den Mount Everest hinaufgehen mit diesen Messinstrumenten.
Wenn ich das geschafft hätte – und ihr könnt euch vorstellen, das würde viel Zeit brauchen – wenn ich das geschafft hätte, dann wüsste ich, wie hoch der Mount Everest ist.
Aber um zu wissen, ob diese Höhe auch die höchste Höhe ist von jedem Berg – das könnt ihr euch vorstellen –, da müsste ich auf jeden anderen, zumindest einigermaßen hohen Berg auf dieser Welt gehen. Und dann könnte ich es vielleicht wissen. Eigentlich unmöglich!
Vernünftig glauben
Und für mich ist das auch ein gutes Beispiel, dass es einfach wirklich vernünftig ist, bestimmte Dinge nicht selber auszuprobieren, nicht selber wissen zu wollen, sondern aus guten und verlässlichen Quellen zu glauben.
Ja, und diese guten und verlässlichen Quellen – das ist natürlich in der heutigen Zeit, wir leben im Zeitalter der Fake News, tatsächlich auch nicht mehr so ganz einfach. Aber trotzdem glaube ich, dass man schon vernünftige Gründe findet, warum es nachvollziehbar ist.
Also wo lese ich denn das, dass der Mount Everest der höchste Berg ist? Ich lese das in Schulbüchern, ich lese das in Atlanten, ich lese es im Internet. Etwas, was auch sehr dafür spricht: Es gibt, glaube ich, meines Wissens niemanden, der etwas anderes behauptet. Dann ist die Wahrscheinlichkeit auch ein bisschen größer, dass es stimmt, denke ich vernünftigerweise.
Ja, und eben – es gibt halt einfach verlässlichere Quellen oder weniger verlässliche Quellen.
Meine These
Und wie gesagt, glaube ich, dass eben – meine These ist eben – 90 % von den Dingen, von denen ich sage „Ich weiß sie“, sind Dinge, die ich jemandem glaube, im Normalfall vernünftigen Quellen.
Wenn ein Atheist es wissen wollte
Und wenn ich das umlegen würde für einen Atheisten, der sich die Frage stellt – die steht ja auch auf einer dieser Karten: „Gibt es Gott?“ – das müsste denn ein Atheist, der es wirklich wissen will, mit derselben Energie machen, wie ich vorher beschrieben habe, um herauszufinden, ob der Mount Everest der höchste Berg ist.
Also ich denke mir, wenn ich Atheist wäre, dann müsste ich mir zuerst einmal einen Menschen suchen, der oder die von sich behauptet: „Ich kenne Gott, ich glaube an Gott, ich habe Gott schon erlebt.“ Und dann müsste ich mit dieser Person sprechen.
Und dann müsste ich aber auch ihren Weg mitgehen. Ich müsste das ausprobieren, wie sie ihren Glauben lebt – denn nur dann kann ich schauen, ob ich selber auch etwas erlebe.
Und wie beim Mount Everest: Vielleicht, wenn ich da mit einer Person mitgegangen bin – ihr kennt alle noch diese Bibelstelle, als jemand fragt: „Herr, wo wohnst du?“, und er sagt: „Komm und sieh.“ Also bei Jesus war das ja auch nicht anders: mitgehen.
Und wenn es bei der ersten Person nicht geklappt hat, dann müsste ich die nächste Person nehmen, wenn ich wirklich ein gründlicher Atheist wäre und das wissen wollte. Und dann würde ich jemand anderen suchen, der vielleicht einen anderen Weg hat, und dann aber auch mit dieser Person mitleben: mit ihr beten, mit ihrer Bibel lesen, mit ihr schweigen, mit ihr singen – solche Dinge.
Und wenn ich dann immer noch nicht überzeugt wäre – wisst ihr, wie viele Menschen es auf dieser Welt gibt, die an einen Gott glauben? Also die Atheisten sind ja eine ganz minimale Minderheit. Auch hier, man wird nicht fertig.
Aber ich bin davon überzeugt: Wenn jemand diese Energie aufwendet, lange aufwendet, ist die Wahrscheinlichkeit sehr groß, eine Erfahrung zu machen. Also ich kann es nicht beweisen, aber ich bin mir da ziemlich sicher.
Fazit
Für mich ist also Glauben und Wissen nicht komplette Gegensätze, sondern, wie gesagt, 90 % von den Dingen, die wir wissen, glauben wir vernünftigerweise aus verlässlichen Quellen. Und umgekehrt ist es dasselbe: Auch im Glauben – und das hat mir eben das Theologiestudium gezeigt – auch im Glauben gibt es sehr, sehr vieles, was man wissen kann, auch wissenschaftlich erforschen kann.
Und das ist eben das Schöne am Theologiestudium. Das ist so, so spannend: Also was man da an Geschichtsforschung findet, aus der Literaturwissenschaft – die Texte: Wie sind sie entstanden? Wie hat sich, historisch gesehen, diese christliche Bewegung entwickelt? Solche Dinge.
Die Grenzen der Wissenschaft
Und bei all diesen Dingen kann man nie beweisen, jetzt rein wissenschaftlich beweisen, ob es einen Gott gibt oder nicht. Aber für einen Wissenschaftler, für eine Wissenschaftlerin ist das auch kein Problem, weil gute Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen wissen: Wenn sie etwas erforschen, dann suchen sie sich eine ganz konkrete kleine Frage heraus. Mit einer ganz bestimmten Methode versuchen sie eine Erkenntnis zu gewinnen, die man wiederholen kann, die man überprüfen kann. Dann ist es wissenschaftlich quasi erwiesen – bis jemand kommt und das Gegenteil beweist, immer mit diesem Vorbehalt.
Das Wissen kann sich immer weiterentwickeln, mit einer neuen Methode, mit einer neuen Entwicklung, eine neue Perspektive.
Und deshalb würde ich nie jemand, der wirklich vernünftig und ernsthaft Wissenschaft macht, behaupten lassen, er hat bewiesen, dass es Gott nicht gibt – weil das sich nicht erforschen lässt.
Also die Wissenschaft, die um ihre Grenzen weiß, kann uns weiterbringen, auch im Bereich der Religion. Das hat mir eben mein Studium gezeigt.
Persönliche Erfahrung
Außerdem habe ich eben persönlich auch noch einmal erlebt, dass die Befürchtung meiner Freundinnen und Freunde vor dem Studium einfach nicht gestimmt hat. Mein Theologiestudium hat meinen persönlichen Glauben vertieft.
Ich bin zutiefst davon überzeugt, dass Gott kein Problem hat mit unseren Fragen, kein Problem hat mit unseren Zweifeln, kein Problem hat mit unserem kritischen Verstand.
Ich glaube an einen Gott, der uns erschaffen hat, aus Liebe – und zwar mit allem, was wir haben. Und dazu gehört eben auch unser Verstand, dass wir uns ab einem gewissen Alter Fragen stellen und Fragen stellen und nicht aufhören zu fragen.
Gottes Geistkraft in unseren Fragen
Manchmal habe ich sogar den Verdacht, dass in diesen Fragen, die mir kommen, in den Zweifeln, die mir kommen, eventuell sich auch die Geistkraft Gottes zeigt – in meinem Leben oder in der Gruppe, in der ich die Frage äußere.
Also die kritischen Geister waren schon oft die, die uns als Kirche weitergebracht haben oder auch in der Gesellschaft weitergebracht haben. Ich weiß nicht, ob evangelische Christen hier sind, aber denkt an Martin Luther. Der war ein kritischer Geist und hat uns weitergebracht. Und da gibt es aber noch viele, viele, viele weitere.
Mystik – der Weg in das Geheimnis Gottes
Für mich hört allerdings – und darum darf ich auch jetzt noch nicht aufhören, sondern muss noch fünf Minuten weitersprechen – die Geschichte mit der Kritik und mit den Fragen eben auch nicht das Ende der Geschichte. Also wenn ich bei Thomas Halik bin: Es geht darum, dranzubleiben.
Und da möchte ich mit euch zum Schluss noch ganz kurz einen Begriff einführen, nämlich den der Mystik.
Fundamentalismus vs. Mystik
Die Mystik, die gibt es in allen Religionen, genauso wie es auch den Fundamentalismus – und das ist das Gegenteil von Mystik – in allen Religionen gibt.
Der Fundamentalismus:
- weiß haargenau, wie Gott ist – so und nicht anders
- weiß haargenau, wie eine Stelle in irgendeiner heiligen Schrift zu verstehen ist – so und nicht anders
- kennt keine geschichtliche Entwicklung
- tut immer so, als ob das, was jetzt festgelegt wurde in dieser Gruppe, schon immer so war
Da hilft eben das Theologiestudium, wenn man Kirchengeschichte studiert und sieht: Oh, ho, ho, das ist ein bewegter Weg!
Die Mystik geht einen anderen Weg. Die Mystik geht den Weg hinein in das verborgene Geheimnis, in das unaussprechliche und undenkbare Geheimnis Gottes. Die Mystik macht das viel mit Schweigen, oder sie geht in die Natur hinaus. Sie hört in ihren Körper nach innen und entdeckt so noch einmal ganz eigene neue Seiten von Gott.
David Steindl-Rast – Dankbarkeit
Für mich ein Beispiel, das ich euch gerne vorstellen möchte, ist Benediktiner-Mönch David Steindl-Rast. Einzelne von euch kennen ihn vielleicht. David Steindl-Rast hat gerade seinen 99. Geburtstag gefeiert und wieder mal ein Buch herausgebracht, wie so viele.
Obwohl er in Wien geboren ist, ist er als Österreicher eigentlich lange Zeit gar nicht so bekannt gewesen. Er ist als Benediktiner-Mönch in die USA gegangen, und dort kennt man ihn mehr. Er hat zuerst vor allem englischsprachige Literatur geschrieben.
Und seine ganze Spiritualität – ihr könnt euch das vorstellen, 99 Jahre alt, das ist ein langer Weg, den er gegangen ist – sein ganzer Weg mit Gott hat sich zunehmend auf einen Begriff fokussiert: Dankbarkeit.
Er hat eine Bewegung gegründet, ein Netzwerk: das Netzwerk der Dankbarkeit. Und er kann ein ganzes Buch darüber schreiben, er kann stundenlang darüber sprechen.
Im Prinzip geht es darum, nach Möglichkeit eigentlich jeden Moment so zu leben – aber man kann damit beginnen, am Ende des Tages zu schauen und drei Dinge zu finden, für die ich dankbar bin.
Und wenn man diesen Weg weitergeht, dann entsteht so eine Grundhaltung: Alles, was ich in meinem Tag erlebe, ist mir von Gott gegeben.
Da sind viele schöne Sachen dabei, aber ihr wisst das alle – wir haben alle auch ein wenig Lebenserfahrung hinter uns: Es sind nicht nur schöne Sachen.
Manchmal, tatsächlich, gelingt es mir auch, wenn ich etwas Schwieriges erlebt habe – später –, dass ich bemerke: Okay, doch, kann ich auch Danke sagen dafür. Nicht bei allem. Und vor allem, da bin ich sehr sensibel: Nur wenn das für mich passt, kann ich Danke sagen für schwierige Sachen, die ich erlebt habe. Das darf niemand anderer machen. Den Sinn kann nur ich selber sagen.
Ja, das ist schwer zu beschreiben. Ihr müsst das wirklich auch ein bisschen lesen, aber ich finde das einfach wunderbar. Das ist ein sehr intelligenter Mensch, der immer einfacher wird, je älter er wird. Und das ist für mich eben das Mystische dabei.
Die drei Phasen des Lebens
Dorothee Sölle, eine evangelische Theologin, die ich im Studium sehr schätzen gelernt habe, hat ein Buch geschrieben, das heißt „Gott denken“. Aber sie hat auch ein Buch geschrieben, das heißt „Mystik und Widerstand“.
Und sie hatte das Bild – also ich habe es wieder gelesen, kommt sicher noch von woanders her – von verschiedenen Lebensphasen eines Menschen:
1. Die erste Einfachheit
Wir kommen auf die Welt als Kinder, und automatisch ist das Leben einfach. Ja, es besteht aus Essen, Schlafen, trocken Liegen.
2. Die Phase der Kritik
Und mit der Zeit – und wer von euch Kinder hat oder Kinder großgezogen hat, weiß das – beginnt eigentlich relativ früh das mit den Fragen, mit dem Kritischen, mit dem „Warum ist es so?“, „Warum muss man das so tun?“ Und das steigert sich und steigert sich und steigert sich.
Also danach kommt und muss kommen die Phase der Kritik und der Frage, um zu wachsen, um Jugendlicher zu werden, um erwachsen zu werden.
Das ist übrigens der Punkt, wo dann ganz viele mit der Religion aufhören, weil sie das Gefühl haben: „Meine Fragen, die beantwortet der Glaube nicht“, und sie keinen Gesprächspartner finden, der da mit ihnen geht.
Eine der Karten war, glaube ich auch „Schöpfung“ oder so – irgendwann einmal, da ist Naturwissenschaft so interessant und Technik so interessant. Und ich höre das mit dem Urknall und so: „Bitte, dann ist doch das in der Bibel Schwindel“ und so.
3. Die zweite Einfachheit
Wenn man lange genug unterwegs bleibt auf diesem Weg der Religion, kommt aber tatsächlich auch eine Phase der zweiten Einfachheit. Und das ist dann eben dieser Weg der Mystik.
Und das ist aber nicht ein Abschnitt, dass ich, wenn ich auf dem Weg der Mystik angefangen habe, nie mehr Fragen habe. Es ist oft nebeneinander.
Also ich merke bei mir persönlich in den letzten Jahren, dass bei mir einfach bestimmte Fragen, die mich vielleicht mit 20 oder 30 noch mehr umgetrieben haben, stiller geworden sind, ruhiger geworden sind.
Ein persönliches Beispiel
Ich kann mir zum Beispiel immer noch nicht erklären – auf der einen Seite glaube ich an einen Schöpfergott, davon bin ich überzeugt, und davon bin ich überzeugt, dass dieser Gott ein liebender Gott ist. Warum dann Kriege wie in der Ukraine oder in Palästina oder in Afrika passieren? Ich bringe das nicht zusammen, diese Frage.
Tatsächlich ist die Frage aber bei mir ein bisschen ruhiger geworden, und was ich neu entdeckt habe, ist: In all diesen Situationen, neben all dem Wahnsinn, der dort passiert, neben all der Grausamkeit, die dort passiert, passieren Akte von Nächstenliebe, passieren Aktionen von Solidarität.
Das sind dann diese Bilder, wenn ein Haus in Gaza zerbombt wird und man sieht die Menschen, wie sie mit den Händen hingehen und graben. Für mich als gläubiger Mensch kann ich mir das nicht anders erklären, als dass hier die Liebe Gottes wirkt in diesen Menschen – egal welche Religion sie haben. Es ist ja mein Glaube, dass dort Gott wirkt.
Also um ein Beispiel zu zeigen: Ich habe bei weitem nicht alle Fragen beantwortet. Aber ich sehe wirklich die eine oder andere neue Erkenntnis. Ich weiß – in diesen ganzen leidvollen Situationen glaube ich zu wissen, wo der Ort Gottes ist: Nämlich dort, wo in diesem Dunkel Menschen miteinander einander unterstützen und einander helfen. Dort ist Gott am Werk.
Das beantwortet meine Frage überhaupt noch nicht. Aber ihr habt euch sowieso nicht erwartet, dass ich alle Fragen beantworte, hoffe ich.
Schluss: Eine Umarmung
Ich möchte gerne mit einem ganz kurzen Text von Dorothee Sölle schließen, der auch noch einmal, finde ich, die Brücke zwischen den beiden Bibelstellen ist:
„Am Ende der Suche und der Frage nach Gott steht keine Antwort, sondern eine Umarmung.“
Am Ende der Suche und der Frage nach Gott steht keine Antwort, sondern eine Umarmung.