Hier die Aufzeichnung der Homilie von Pater Martin Werlen, Probst der Probstei St. Gerold, an der ökumenischen Mahlfeier vom 29. Juni 2025 zum Thema «Gerüstet fürs Leben, Halt finden in stürmischen Zeiten» mit nachfolgendem AI- Transkript.
Mit offenen Augen und aufgeschreckten Ohren
Ich bin Benediktiner-Mönch, und als ich mit 18 Jahren zum ersten Mal das Leitbild des Heiligen Benedikt für Mönche in die Hände bekam – er hat das vor 1500 Jahren geschrieben –, hat mich Verschiedenes ganz tief berührt. Also ich möchte auch den Jungen empfehlen, das mal zu lesen. Ich bin dann im Kloster gelandet.
Er sagt, wir sollen mit offenen Augen und aufgeschreckten Ohren durchs Leben gehen. Mit offenen Augen, das können wir uns gut vorstellen, aber mit aufgeschreckten Ohren? Dieses Bild hat er sicher von Tieren. Es sind nur wenige Menschen fähig, mit den Ohren auch ohne Mithilfe aufzuschrecken. Hunde können das, wenn sie ein Geräusch hören, dass sie die Ohren aufschrecken – oder Pferde, oder vielleicht, was uns näher ist, Esel.
Und warum sagt er das, wir sollen mit offenen Augen und aufgeschreckten Ohren durchs Leben gehen? Weil er überzeugt ist, dass Gott da ist. Und das ist ja der Name Gottes: „Ich bin da.“ Und wenn dieser Name stimmt, wenn Gott da ist, dann ist das Beste, dass wir alle Sinne öffnen – alle Sinne.
Gerüstet fürs Leben
Und ich bin schon überrascht, was ihr alles für mich organisiert habt. Es könnte nicht besser sein: Gerüstet fürs Leben. Wahrscheinlich hat niemand an das gedacht, denn wenn wir „gerüstet“ hören, dann denken wir an etwas anderes. Gerüstet – aber gerüstet fürs Leben heißt: das Gerüst errichten.
Und das, was uns hier vor Augen geführt wird, das ist so wichtig in der Kirche. Und wir haben das – unabhängig von den Konfessionen, da sind wir sehr ökumenisch – völlig außer Acht gelassen:
Dort, wo ein Gerüst ist, da ist eine Baustelle.
Wenn das Gerüst in 20 Jahren auch noch steht, dann wurde wahrscheinlich nicht viel daran gearbeitet. Aber Baustellen sind so wichtig, so wichtig! Alles im Leben, was uns freut, verdanken wir Baustellen.
Wir verdanken alles Baustellen
Denkt einmal an das Zimmer, in dem wir letzte Nacht verbracht haben – das verdankt ihr einer Baustelle. Die Kilometer, die ich hierher ins abgelegene Geißau gekommen bin, jeden Kilometer oder jeden Meter, den ich mit dem Bus zurückgelegt habe – wir verdanken es einer Baustelle. Gleich mit der Bahn: Wir verdanken alles Baustellen.
Und interessant ist, wie sehr wir – also ich natürlich nicht, aber vielleicht einige der Anwesenden – wie sehr wir über Baustellen fluchen. Wenn man an Autobahnen an den Baustellen alles hören würde, was in den Autos gesagt wird! Und nachher, wenn die Baustelle vorbei ist, fahren sie selbstverständlich darüber, ohne je daran zu denken, was sie alles Baustellen verdanken. Das heißt: achtlos durchs Leben gehen – denn wir verdanken alles Baustellen, alles!
Diejenigen, die noch – ja, wahrscheinlich die meisten können sich noch erinnern – wenn die Kinder oder Enkelkinder eine Baustelle mit ihren Zähnen hatten. Baustellen sind mühsam. Es ist nicht einfach, das durchzustehen. Es gibt Baustellen, die Lärm machen, die Schmutz machen. Aber sie sind da, damit etwas entsteht, das besser ist. Und genauso: Die Baustelle der Zähne am Anfang unseres Lebens ist ja nicht, um uns zu quälen, sondern dass wir nachher ein Gebiss haben und auch beißen können und bissig sein können. Und wir vergessen das sehr schnell.
Kirche als Baustelle – das häufigste Bild bei Paulus
Und dasselbe ist uns in der Kirche passiert. Das häufigste Bild, das der Heilige Paulus für Kirche braucht, ist Baustelle – das häufigste Bild!
Es gibt ein anderes Bild, das er auch braucht, allerdings nur zweimal, aber das ist viel präsenter in uns: Leib Christi. Er vergleicht die Kirche mit dem Leib Christi, aber Baustelle kommt viel häufiger vor.
Auch in der Lesung, die wir jetzt gerade gehört haben aus dem Brief an die Gemeinde in Korinth:
„Denn wir sind Gottes Mitarbeiter. Ihr seid Gottes Ackerfeld, Gottes Bau.“
Also wenn wir alle Kirche sind, sind wir Gottes Bau – aber das ist noch nicht fertig!
Und in unserer eigenen Glaubensgemeinschaft, in unserer Tradition, haben wir ein fürchterliches Lied, das genau das Gegenteil von dem sagt, dass wir Baustelle sind. Da heißt es: „Ein Haus voll Glorie schauet“ – das ist Kirche. Und ich hoffe, das Gerüst bleibt möglichst lange, damit wir realisieren: Das ist Kirche. Kirche ist Baustelle.
Paulus über das Bauen
Paulus fährt dann fort:
„Der Gnade Gottes entsprechend, die mir geschenkt wurde, habe ich wie ein weiser Baumeister den Grund gelegt. Ein anderer baut darauf weiter. Aber jeder soll darauf achten, wie er weiterbaut. Denn einen anderen Grund kann niemand legen als den, der gelegt ist: Jesus Christus.“
Das ist der Grund, und auf diesem Grund bauen wir weiter – auch jetzt in dieser Mahlfeier. Wir bauen miteinander an diesem Bau, der Kirche ist.
Falls mir jemand nicht glaubt, dass Paulus am häufigsten das Bild der Baustelle für Kirche braucht: Er braucht viele Wendungen, die uns bekannt sind, die wir nur verstehen können im Zusammenhang mit der Baustelle. Zum Beispiel: „Nicht alles baut auf“, „Liebe baut auf“, „prophetisches Reden baut auf“ – also er braucht zum Unterscheiden die Formulierung: Baut es auf oder nicht? Und das Bild geht nur zusammen mit Baustelle, wo wir etwas weiterbauen, aufbauen oder nicht.
Baustellen erfordern manchmal Korrekturen
Und bei jeder Baustelle – ich bin der Fachmann für Baustellen, ich hoffe, ihr alle auch – weiß ich: Manchmal hat man eine gute Idee, und nachher muss man es wieder abreißen, weil man merkt: Nein, das ist nicht richtig.
Oder wo habe ich das jetzt gehört? Irgendwo in Vorarlberg wurde ein Haus gebaut, und dann bei der Eröffnung haben sie festgestellt, dass keine Toiletten drin sind. Sie haben vergessen, Toiletten einzubauen! Und dann muss man sagen: Ja, das müssen wir noch mal anpacken.
Und überall, wo wir merken, etwas ist vergessen gegangen oder es ist nicht gut – überall da gibt es die Möglichkeit, wieder etwas anderes zu tun. Aber wir müssen zugeben, dass wir eine Baustelle haben und eine Baustelle sind.
Baustellen – Ausdruck von Hoffnung
Gerüstet fürs Leben. Halt finden in stürmischen Zeiten.
Und gerade in stürmischen Zeiten wie den unseren finde ich es ganz wichtig, dass wir die Kirche als Baustelle entdecken. Und wir alle sind, wie es Paulus sagt, Gottes Mitarbeitende auf dieser Baustelle. Eigentlich faszinierend!
Ich hätte mit euch noch Kontakt aufnehmen können, dass alle Arbeiterkleidung bekommen und dass wir nachher so weitergehen. Und wenn uns jemand fragt: „Was ist mit dir los?“, könnten wir sagen: „Ich bin Mitarbeitender auf der großen Baustelle!“
Und wenn uns das Bild mal aufgeht und wir den Horror vor Baustellen verlieren – wir haben alle einen Horror vor Baustellen. Wenn ich bei euch irgendwo sage: „Ich komme heute noch zum Kaffee vorbei“, sagt ihr: „Komm nächste Woche, diese Woche haben wir eine Baustelle. Das Bad wird irgendetwas ausgewechselt.“
Wir haben Horror, und dabei sollten wir stolz sein, wenn wir eine Baustelle haben! „Kommt herein, wir haben gerade eine Baustelle!“ Denn Baustellen gibt es nur dort, wo man an die Zukunft denkt. Dort, wo man nicht mehr an die Zukunft denkt, braucht man keine Baustelle.
Baustelle ist immer hingerichtet auf etwas Besseres, auf einen weiteren Weg. Und wenn es in einem Dorf wie Lustenau seit 20 Jahren keine Baustellen geben würde – das wäre katastrophal! Dort, wo es keine Baustellen gibt, hat man die Hoffnung aufgegeben. Baustellen sind immer Ausdruck von Hoffnung.
Der blinde Bettler – eine Geschichte voller Baustellen
Und das Evangelium, das du uns vorgelesen hast, das ist voll von Baustellen.
„Jesus kam in die Nähe von Jericho. Da saß ein Blinder an der Straße und bettelte.“
Er hat eine Baustelle, und eine ganz gehörige: Blind sein, nicht mitbekommen, was alle anderen sehen und erzählen, angewiesen sein auf die anderen, die einen führen. Was für eine Baustelle!
Aber andere haben auch Baustellen. Er in seiner Baustelle hörte, dass viele Menschen vorbeigingen, und fragte: „Was hat das zu bedeuten?“ Also er war einer, der mit offenen Augen im übertragenen Sinn und aufgeschreckten Ohren im wirklichen Sinn unterwegs war. „Was hat das zu bedeuten?“, als er hörte, dass viele Menschen vorbeigingen.
Und man berichtete ihm: „Jesus von Nazareth geht vorüber.“ Dann rief er: „Jesus, Sohn Davids, hab Erbarmen mit mir!“
Zuerst ist er mit seiner Baustelle da. Die Leute, die vorausgingen, befahlen ihm zu schweigen. Die haben auch Baustellen. Dort, wo wir die Not der Menschen nicht zur Sprache bringen oder nicht zur Sprache bringen lassen – da haben wir eine ganz gehörige Baustelle. Und das ist gut, wenn wir daran arbeiten.
Er aber schrie noch viel lauter: „Sohn Davids, hab Erbarmen mit mir!“ Jesus blieb stehen und ließ ihn zu sich herführen.
Jesus fragt: Was willst du?
Und dann passiert etwas völlig Überraschendes. Als der Mann vor ihm stand, fragte ihn Jesus:
„Was willst du, dass ich dir tue?“
Du hast eine Baustelle – was soll ich da machen? Was ist deine Baustelle?
Ich erinnere mich – wahrscheinlich können sich die Eltern hier auch daran erinnern – früher gab es so Beichtspiegel, wo uns gesagt wurde, was wir alles gesündigt haben. Eigentlich fürchterlich. Also Jesus hat das nie gemacht. Er hat gefragt: „Was fehlt dir? Was soll ich dir tun? Wie kann ich dir behilflich sein?“
Und wo wir unsere Baustellen haben, das muss mir nicht jemand sagen – das wissen wir selbst. Und gerade das sollte uns heute auch hier helfen, dass wir unsere Baustellen erkennen und dafür dankbar sind, uns nicht schämen müssen, sondern sagen dürfen: „Ich habe eine Baustelle.“
Übrigens – das gilt vor allem für euch Ältere: Je älter man wird, umso mehr Baustellen hat man. Es ist so faszinierend, älter zu werden! Ja, es nimmt zu und zu. Und auch mit dem Gebiss, das einmal mit Schmerzen begonnen hat – plötzlich ist es nicht mehr da, und das ist auch wieder eine Baustelle.
Das Leben ist voll Baustellen, und wir müssen den anderen nicht sagen, was ihre Baustellen sind, sondern ihnen helfen, dass sie zu ihren Baustellen stehen können und sagen: „Ja, das ist meine Baustelle.“
Ein liebevoller Blick auf die Baustellen
Wir haben in der Propstei Wislikofen das Projekt „Oase“, das auch hier vorgestellt wurde. Da laden wir Menschen ein, in die Propstei Ferientage zu verbringen – Menschen, die sich keine Ferien leisten können. Und das sind Menschen mit riesigen Baustellen. Und sehr oft sind sie auch sehr allein mit ihren Baustellen. Meistens sind es alleinerziehende Mütter mit ihren Kindern.
Vor zwei Jahren war eine Frau da, die war allein da. Und am ersten Abend, als ich mit ihr gesprochen habe, hat sie ihre ganzen Baustellen erzählt: In der Partnerschaft geht es nicht mehr. Mit den Kindern findet sie nicht mehr zurecht. Am Arbeitsplatz ist nichts mehr gut.
Und dann habe ich sie gefragt: „Hast du ein Hobby?“ Da hat sie gesagt: „Ich habe gar keine Zeit, ein Hobby zu haben.“ „Aber vielleicht hattest du früher ein Hobby?“ Und dann hat sie gesagt: „Ja, ich habe gerne gezeichnet.“
Da habe ich ihr gesagt: „Zeichne mal bis morgen deine Baustellen.“ Und am anderen Tag ist sie mit fünf Blättern gekommen – fünf Baustellen, großartig gezeichnet.
Dann hat sie etwas gesagt, das mich sehr geprägt hat. Sie hat gesagt: „Das ist das erste Mal, dass ich einen liebevollen Blick auf meine Baustellen geworfen habe.“
Und wahrscheinlich ist das der Schlüssel zu unserem Leben: Einen liebevollen Blick auf die Baustellen werfen. Also nicht sagen: „Das dürfte nicht sein“ oder „Das darf sich niemandem zeigen, das darf niemand merken“ – sondern einen liebevollen Blick auf die Baustelle werfen.
Und in dem Moment eröffnen sich viele, viele Perspektiven. Nur wenn ich zu der Baustelle sage: „Ja, wir haben die Baustelle, und wir dürfen es auch zeigen“ – nur dann können wir uns daran machen, etwas da zu bewirken.
Die Heilung des Blinden
Einen liebevollen Blick auf die Baustellen werfen – und das macht Jesus:
„Was willst du, dass ich dir tue?“
Und der Blinde wirft einen liebevollen Blick auf seine Baustelle und sagt: „Herr, ich möchte sehen können.“
Da sagte Jesus zu ihm: „Sei sehend! Dein Glaube hat dich gerettet.“ Und im selben Augenblick konnte er sehen.
Da pries er Gott und folgte Jesus nach.
Warum pries er Gott? Weil er zu seiner Baustelle gestanden ist und den Baumeister, den Eckstein im Bau, angerufen hat: „Hab Erbarmen mit mir!“ Er hat sich ihm anvertraut – und da pries er Gott und folgte Jesus nach.
Warum die Mahlfeier hier stattfindet
Jetzt weiß ich, warum die Mahlfeier hier stattfindet. Ich habe mir lange Gedanken gemacht. Es ist klar, dass man das sehen kann: Gerüstet fürs Leben.
Und das, was ich jetzt sage, ist ein bisschen gefährlich, weil wir uns das gar nicht gewohnt sind: Ich glaube, unsere Kirchengebäude werden immer mehr zu einem großen Hindernis für uns alle.
Diese großen Kirchengebäude, die vom Machtstrotzen, die Machtzeichen sind, von der Rolle, die die Kirche einmal hatte und Gott sei Dank heute nicht mehr hat – und diese Zeichen sind da. Und ich kann in einem solchen Gebäude in aller Schlichtheit vom Glauben sprechen, aber dieses Gebäude spricht meistens lauter als ich.
Und das merkt man plötzlich, wenn man sich hier so versammelt – im Freien ist eine ganz andere Stärke.
Kirchengebäude sind nicht biblisch
Und die Kirchengebäude – die verdanken wir nicht dem Evangelium. Ich mag mich erinnern, als ich in der Bischofskonferenz noch war in der Schweiz, ging es um die Abstimmung zum Verbot von Minaretten. Und dann hat ein Weihbischof gesagt: „Im Koran steht nichts von Minaretten. Die brauchen gar keine.“
Da habe ich gesagt: „Im Evangelium steht auch nichts von Kirchtürmen – gar nichts! Auch nicht von Kirchengebäuden – gar nichts!“
Und wahrscheinlich müssen wir neue Wege finden, und gerade die Art und Weise, wie wir uns versammeln, ist ein starkes Zeichen.
Wir sind Kirche
Und was ich euch auch sagen möchte: Geht nie mehr in die Kirche! Nie mehr in die Kirche gehen!
Solange wir in die Kirche gehen, haben wir noch nichts von unserem Glauben verstanden. Wir alle sind einmal in die Kirche gegangen – und das ist in der Taufe. Und seither sind wir Kirche. Wir gehen nicht mehr in die Kirche – wir sind Kirche.
Und dann freuen wir uns auch, wenn wir uns am Sonntag treffen können und miteinander feiern können, dass wir Kirche sind, dass wir an dieser riesigen Baustelle arbeiten dürfen.
Dann können wir miteinander einen liebevollen Blick auf diese Baustelle werfen und uns miteinander an die Arbeit machen.
Denn wir sind Gottes Mitarbeitende.
„Der Gnade Gottes entsprechend, die mir geschenkt wurde, habe ich wie ein weiser Baumeister den Grund gelegt. Ein anderer baut darauf weiter – wir alle. Aber jede und jeder soll darauf achten, wie sie weiterbauen.“
Denn der Grund ist gelegt, und der Grund ist der, der uns hier zusammenführt und uns den Mut macht, die Baustelle wahrzunehmen und gerüstet fürs Leben Halt zu finden in stürmischen Zeiten.
Wagen wir es!